NIS2: Lieferkettenrisiken mit KI automatisiert bewerten
NIS2: Lieferkettenrisiken mit KI automatisiert bewerten
Nandini Suresh
Informationssicherheits- und Datenschutzexpertin
December 19, 2025
5 Minuten
Nandini Suresh ist Compliance Expert bei SECJUR und spezialisiert auf Datenschutz, Cybersecurity und geistiges Eigentum. Bevor sie zu SECJUR kam, war sie unter anderem bei Bird & Bird sowie Lorenz Seidler Gossel tätig und betreute dort internationale Mandate im Marken- und Datenschutzrecht. Durch ihre Erfahrung an der Schnittstelle von Recht, Technologie und Compliance verbindet sie juristische Präzision mit einem tiefen Verständnis für die regulatorischen Anforderungen moderner Unternehmen.
Key Takeaways
NIS2 macht eine kontinuierliche und dokumentierte Bewertung von Lieferkettenrisiken zur Pflicht.
Manuelle Prozesse wie Excel und Fragebögen sind für die NIS2-Anforderungen nicht mehr skalierbar.
KI-Plattformen automatisieren Risikobewertungen und erkennen Veränderungen bei Lieferanten frühzeitig.
Automatisierte Lieferketten-Compliance erhöht Sicherheit, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit zugleich.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten ein Puzzle mit tausend Teilen zusammensetzen. Aber die Teile verändern ständig ihre Form, und einige Teile gehören eigentlich jemand anderem. Genau so fühlt sich für viele Sicherheitsverantwortliche (CISOs) und Compliance-Manager die Verwaltung von Lieferkettenrisiken unter der neuen NIS2-Richtlinie an.
Früher reichte es oft aus, einmal im Jahr einen Fragebogen an die wichtigsten Lieferanten zu senden. Diese Zeiten sind vorbei. NIS2 verlangt eine aktive, tiefgehende und fast kontinuierliche Überwachung der Sicherheit in Ihrer Lieferkette. Wenn Sie versuchen, dies mit Excel-Tabellen und manuellen E-Mails zu lösen, steuern Sie nicht nur auf ein Burnout zu, sondern riskieren auch ernsthafte Compliance-Lücken.
Hier kommt die "Aha-Erkenntnis": Es geht nicht darum, härter zu arbeiten, sondern die Technologie zu nutzen, die das Problem überhaupt erst lösbar macht. In diesem Artikel erkunden wir, wie Künstliche Intelligenz (KI) nicht nur ein Buzzword ist, sondern das unverzichtbare Werkzeug, um die NIS2-Lieferkettenpflichten von einer bürokratischen Last in einen automatisierten Sicherheitsvorteil zu verwandeln.
NIS2 Supply Chain Risk Assessment Grundlagen
Bevor wir über KI sprechen, müssen wir verstehen, was NIS2 eigentlich von uns will. Im Kern erweitert die NIS2-Richtlinie den Fokus von der eigenen "Burgmauer" auf das gesamte Ökosystem. Artikel 21 der Richtlinie schreibt vor, dass betroffene Unternehmen die Sicherheit ihrer direkten Lieferanten und Dienstleister berücksichtigen müssen.
Warum? Weil Cyberkriminelle faul sind. Warum sollten sie Ihre stark gesicherte Firewall angreifen, wenn sie über einen kleineren, weniger geschützten Software-Zulieferer durch die Hintertür hereinkommen können? Das ist das Prinzip der Supply-Chain-Attacke.
Die Herausforderung liegt in der Masse und der Dynamik. Sie müssen:
Alle relevanten Lieferanten identifizieren.
Deren Risikoprofil bewerten.
Sicherstellen, dass sie geeignete Sicherheitsmaßnahmen treffen.
Dies regelmäßig überprüfen.
Für viele Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, ist dies eine massive Hürde. Doch genau hier liegt der Schlüssel: Ein modernes Verständnis von Lieferkettensicherheit betrachtet Lieferanten nicht als Risikoquelle, die man "wegverwalten" muss, sondern als Partner in einem Sicherheitsnetzwerk.
Automatisierung der Risikobewertung mit KI-Plattformen: Das Wie
Wie hilft nun eine KI-Plattform konkret? Es geht nicht darum, dass ein Roboter Entscheidungen für Sie trifft, sondern dass er die Datenflut für Sie sortiert, analysiert und aufbereitet.
Moderne Plattformen, wie das Digital Compliance Office (DCO), nutzen verschiedene KI-Disziplinen, um den Prozess zu revolutionieren:
Natural Language Processing (NLP): Die KI kann Sicherheitszertifikate (wie ISO 27001), Audit-Berichte oder ausgefüllte Sicherheitsfragebögen Ihrer Lieferanten "lesen" und verstehen. Sie extrahiert automatisch relevante Datenpunkte, anstatt dass ein Mensch hunderte Seiten PDF durchblättern muss.
Anomaly Detection (Anomalieerkennung): Anstatt starr nach Regeln zu suchen, lernt die KI, was "normal" ist. Wenn sich das Risikoverhalten eines Lieferanten plötzlich ändert (z.B. durch negative Nachrichten in Threat-Intelligence-Feeds), schlägt das System Alarm.
Predictive Analytics: Basierend auf historischen Daten kann die KI vorhersagen, welche Lieferantenkategorien das höchste Risiko für Ihre NIS2-Risikoanalyse darstellen könnten.
Der automatisierte Workflow
Der Prozess verschiebt sich von reaktiv ("Wir haben einen Fragebogen geschickt") zu proaktiv ("Das System meldet eine Abweichung").
Stellen Sie sich vor, ein neuer Lieferant wird onboarded. Anstatt manuell E-Mails hin und her zu schicken, lädt der Lieferant seine Nachweise in ein Portal. Die KI prüft diese sofort auf Vollständigkeit und Plausibilität. Fehlt ein kritisches Zertifikat für die NIS2-Compliance, wird der Prozess automatisch angehalten oder eskaliert. Das ist echte Compliance Automation.
Natürlich ist die Einführung von KI in Compliance-Prozessen kein Selbstläufer. Es gibt Hürden, die Sie kennen sollten, um sie elegant zu umschiffen.
Die Datenqualität
Eine KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. Wenn Ihre Lieferantendatenbank veraltet ist oder Kontakte fehlen, kann auch der beste Algorithmus keine Risikobewertung durchführen. Der erste Schritt zur Automatisierung ist oft eine Bereinigung der Stammdaten.
Der "Black Box"-Effekt
Sicherheitsauditoren wollen verstehen, warum eine Entscheidung getroffen wurde. Eine KI, die nur "Risiko hoch" ausspuckt, ohne Begründung, ist im Audit wertlos. Achten Sie bei der Wahl Ihrer Digital Compliance Plattform darauf, dass die Entscheidungswege transparent und nachvollziehbar sind (Explainable AI).
Der Wettbewerbsvorteil
Wer diese Hürden meistert, gewinnt mehr als nur Compliance.
Geschwindigkeit: Onboarding-Prozesse verkürzen sich von Wochen auf Tage.
Resilienz: Sie erkennen Gefahren in der Lieferkette, bevor sie zu Ihrem Problem werden.
Skalierbarkeit: Ob Sie 10 oder 10.000 Lieferanten haben, der Prozess bleibt stabil.
Gerade für kleinere Unternehmen kann dies ein Gamechanger sein. Oft fehlt hier das Personal für riesige Compliance-Abteilungen. Tools für ISO 27001 für KMU und NIS2 ermöglichen es, professionelle Sicherheitsniveaus zu erreichen, ohne die Ressourcen eines Großkonzerns zu benötigen.
Ihre nächsten Schritte zur NIS2-Compliance mit KI
Die Einführung von NIS2 ist kein Grund zur Panik, sondern eine Einladung, veraltete Prozesse zu überdenken. Die manuelle Überprüfung von Lieferketten ist in der heutigen vernetzten Welt ein Anachronismus.
KI-gestützte Plattformen wie SECJUR bieten Ihnen die Möglichkeit, diese Komplexität nicht nur zu bewältigen, sondern sie zu beherrschen. Beginnen Sie damit, Ihren aktuellen Prozess ehrlich zu auditieren: Wie lange dauert ein Lieferanten-Onboarding? Wie oft überprüfen Sie Bestands-Lieferanten? Wenn die Antwort "zu lange" oder "zu selten" lautet, ist es Zeit für den nächsten Schritt.
Bildung ist der erste Schritt zur Sicherheit. Nutzen Sie die verfügbaren Ressourcen, verstehen Sie die Technologie und machen Sie Ihre Compliance zukunftssicher.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die Materie ist komplex, und oft tauchen dieselben Fragen auf, wenn Unternehmen beginnen, sich mit der Automatisierung ihrer NIS2-Prozesse zu befassen.
Ist mein Unternehmen überhaupt von NIS2 betroffen?
NIS2 betrifft wesentlich mehr Sektoren als die Vorgängerrichtlinie (z.B. Energie, Verkehr, Bankwesen, aber auch digitale Infrastruktur und Verwaltung von IKT-Diensten). Zudem gilt die "Size-Cap-Rule" (in der Regel ab 50 Mitarbeitern oder 10 Mio. € Umsatz). Um sicherzugehen, nutzen viele Unternehmen einen NIS2 Calculator, um ihre Betroffenheit schnell zu klären.
Ersetzt die KI den Menschen komplett?
Nein, und das sollte sie auch nicht. Die KI übernimmt die Fleißarbeit: Daten sammeln, strukturieren, vorbewerten und überwachen. Die finale strategische Entscheidung – etwa ob man sich von einem kritischen Lieferanten trennt – bleibt beim Menschen. Die KI liefert die Entscheidungsgrundlage, der Mensch übernimmt die Verantwortung.
Wie sicher sind meine Daten in einer Cloud-basierten KI-Plattform?
Das ist eine berechtigte Frage, besonders im Kontext von NIS2. Seriöse Anbieter von Compliance-Plattformen müssen selbst höchsten Sicherheitsstandards genügen (oft nachweisbar durch ISO 27001 oder ISO 27017 Zertifizierungen). Sie nutzen Ihre Daten, um Modelle zu trainieren, aber die Datenverarbeitung unterliegt strengen Datenschutzregeln (DSGVO).
Lohnt sich eine Automatisierungsplattform auch für kleinere Lieferketten?
Ja, denn NIS2 verlangt eine Dokumentation und Sorgfaltspflicht, die manuell kaum fehlerfrei zu leisten ist. Selbst bei wenigen Lieferanten kann das Versäumen einer kritischen Sicherheitslücke (z.B. Log4j bei einem IT-Dienstleister) existenzbedrohende Folgen haben. Automatisierung schafft hier Sicherheit und Rechtssicherheit.
Nandini Suresh ist Compliance Expert bei SECJUR und spezialisiert auf Datenschutz, Cybersecurity und geistiges Eigentum. Bevor sie zu SECJUR kam, war sie unter anderem bei Bird & Bird sowie Lorenz Seidler Gossel tätig und betreute dort internationale Mandate im Marken- und Datenschutzrecht. Durch ihre Erfahrung an der Schnittstelle von Recht, Technologie und Compliance verbindet sie juristische Präzision mit einem tiefen Verständnis für die regulatorischen Anforderungen moderner Unternehmen.
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