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NIS2-Awareness: Schulungen für Mitarbeiter und Management

NIS2-Awareness: Schulungen für Mitarbeiter und Management

Niklas Hanitsch

Volljurist und Compliance-Experte

December 1, 2025

5 Minuten

Als Jurist mit langjähriger Erfahrung als Anwalt für Datenschutz und IT-Recht kennt Niklas die Antwort auf so gut wie jede Frage im Bereich der digitalen Compliance. Er war in der Vergangenheit unter anderem für Taylor Wessing und Amazon tätig. Als Gründer und Geschäftsführer von SECJUR, lässt Niklas sein Wissen vor allem in die Produktentwicklung unserer Compliance-Automatisierungsplattform einfließen.

Key Takeaways

NIS2 macht Cybersicherheit zur Pflicht für alle Mitarbeitenden und zur persönlichen Verantwortung der Geschäftsführung.

Effektive Awareness-Schulungen sind der wichtigste Hebel, um menschliche Fehler und Haftungsrisiken zu reduzieren.

Mitarbeiter und Management benötigen unterschiedliche, zielgruppenspezifische Lerninhalte für wirkungsvollen Schutz.

Eine nachhaltige Sicherheitskultur entsteht nur durch kontinuierliche Schulungen, klare Messbarkeit und regelmäßige Erfolgskontrollen.

Aktualisierung des Artikels am 21.11.2025: Die NIS2-Pflichten greifen in Deutschland erst mit Inkrafttreten des neuen Gesetzes, das nach Zustimmung des Bundesrats Ende 2025 oder Anfang 2026 erwartet wird. Ab diesem Zeitpunkt gelten die erweiterten Anforderungen für tausende Unternehmen verbindlich.

Stellen Sie sich vor, es ist ein ganz normaler Dienstag. Ein Mitarbeiter aus dem Marketing klickt auf einen Link in einer E-Mail, die täuschend echt aussieht. Ein kleiner Fehler, der in der Vergangenheit vielleicht nur ein IT-Problem war. Mit der neuen NIS2-Richtlinie kann dieser eine Klick jedoch eine Kette von Ereignissen auslösen, die direkt auf dem Schreibtisch der Geschäftsführung landet – und zwar in Form von persönlicher Haftung.

Cybersicherheit ist kein Thema mehr, das man an die IT-Abteilung delegieren kann. NIS2 macht es zur Teamsportart, bei der jeder im Unternehmen, vom Praktikanten bis zum CEO, eine entscheidende Rolle spielt. Und der Schlüssel zum Erfolg? Effektive, durchdachte und vor allem regelmäßige Awareness-Schulungen.

Dieser Leitfaden ist Ihr Kompass. Wir übersetzen die rechtlichen Anforderungen in die Praxis und zeigen Ihnen, wie Sie Schulungsprogramme entwickeln, die nicht nur eine Pflicht erfüllen, sondern Ihr Unternehmen wirklich sicherer machen – und Ihre Führungsebene schützen.

Foundation: NIS2 in 5 Minuten verstehen

Bevor wir in die Details der Schulungsplanung einsteigen, klären wir die Grundlagen. Was genau ist diese NIS2-Richtlinie und warum spricht plötzlich jeder darüber?

NIS2 (The Network and Information Security Directive 2) ist im Grunde ein umfassendes Upgrade der EU-weiten Gesetze zur Cybersicherheit. Das Ziel ist es, die digitale Widerstandsfähigkeit kritischer Sektoren zu stärken. Die Richtlinie legt verbindliche Sicherheitsmaßnahmen und Meldepflichten für eine breite Palette von Unternehmen fest.

Die wichtigste Frage für Sie ist: Sind wir betroffen? Die Antwort ist wahrscheinlich "Ja", wenn Ihr Unternehmen in einem der relevanten Sektoren tätig ist. NIS2 unterscheidet dabei zwischen "wesentlichen" (essential) und "wichtigen" (important) Einrichtungen, die unterschiedliche Pflichten haben. Um genau zu bestimmen, für wen die NIS2-Richtlinie gilt, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Kriterien.

Eine der zentralen und nicht verhandelbaren Anforderungen von NIS2 ist die Schulungspflicht. Artikel 21 schreibt vor, dass Unternehmen „Schulungen zur Cybersicherheit“ für alle Mitarbeiter und insbesondere für die Leitungsorgane anbieten müssen. Das bedeutet: Jeder muss die Grundlagen verstehen.

Diese Grafik illustriert die Kernkonzepte der NIS2-Richtlinie und verdeutlicht, wer betroffen ist und welche Einrichtungstypen unterschieden werden müssen – ein einfacher Einstieg für alle.

Building: Die Awareness-Kampagne – Mehr als nur eine Pflichtübung

Eine erfolgreiche Awareness-Kampagne ist keine einmalige PowerPoint-Präsentation. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess, der auf die spezifischen Rollen und Risiken im Unternehmen zugeschnitten ist. Der Schlüssel liegt darin, unterschiedliche Lernpfade für Mitarbeiter und Führungskräfte zu entwickeln.

Diese Prozessgrafik veranschaulicht klar die Schritte zur Konzeption von zielgruppenspezifischen Awareness-Schulungen, wodurch der Entstehungsprozess verständlich und nachvollziehbar wird.

Teil A: Schulungen für alle Mitarbeiter (nicht-technisch)

Für Mitarbeiter ohne technischen Hintergrund geht es nicht darum, sie zu Sicherheitsexperten zu machen. Es geht darum, sicheres Verhalten im Alltag zu etablieren. Ihre Schulungen sollten sich auf die häufigsten Einfallstore für Angreifer konzentrieren.

Pflicht-Themen für Ihr Team:

  • Phishing & Social Engineering: Wie erkennt man gefälschte E-Mails, verdächtige Links und Manipulationsversuche? Praktische Übungen sind hier Gold wert.
  • Sichere Passwörter & Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA): Die einfachen, aber extrem wirksamen Grundlagen der Account-Sicherheit.
  • Grundlagen der Cyber-Hygiene: Sicherer Umgang mit Daten, Erkennen von unsicheren WLAN-Netzen, Sperren des Bildschirms beim Verlassen des Arbeitsplatzes.
  • Richtiger Umgang mit Sicherheitsvorfällen: Wen informiere ich, wenn ich auf etwas Verdächtiges geklickt habe? Eine klare Meldeprozedur ist entscheidend.

Stolperfalle: Langweilige Inhalte  Irrtum: Eine jährliche E-Mail mit einem Link zu einem PDF reicht als Schulung aus.  Realität: Trockene Inhalte werden ignoriert. Setzen Sie auf Interaktivität! Gamification (Quizze, Wettbewerbe), Storytelling (reale Angriffs-Szenarien) und regelmäßige Phishing-Simulationen schaffen ein nachhaltiges Bewusstsein und machen die Grundlagen der Informationssicherheit greifbar.

Teil B: Die Pflichtschulung für die Führungsebene

Die Schulung für das Management hat einen völlig anderen Fokus. Hier geht es weniger um das Erkennen einer Phishing-Mail, sondern um strategisches Risikomanagement und die Erfüllung gesetzlicher Pflichten.

Pflicht-Themen für die Chefetage:

  • Cybersicherheitsrisiken bewerten und steuern: Die Geschäftsführung muss in der Lage sein, Risiken für das Unternehmen zu verstehen, zu bewerten und Entscheidungen über entsprechende Gegenmaßnahmen zu treffen.
  • Genehmigung und Überwachung von Sicherheitsmaßnahmen: Sie müssen die vorgeschlagenen Sicherheitskonzepte nicht nur budgetär freigeben, sondern auch deren Umsetzung und Wirksamkeit aktiv überwachen.
  • Persönliche Haftung und Konsequenzen: Dies ist der kritischste Punkt. Geschäftsführer müssen genau verstehen, welche Pflichten sie haben und welche gravierenden Folgen eine Vernachlässigung haben kann. Die persönliche NIS2-Haftung für Geschäftsführer ist ein starker Motivator, das Thema ernst zu nehmen.
  • Meldepflichten bei Vorfällen: Im Ernstfall muss die Führungsebene wissen, welche Vorfälle in welchen Zeitfenstern an welche Behörden (z.B. das BSI) gemeldet werden müssen.

Die Methodik hier ist entscheidend: keine technischen Details, sondern Fokus auf strategische Entscheidungen, Kennzahlen (KPIs) und rechtliche Absicherung.

Mastery: Von der Pflicht zur Sicherheitskultur

Eine NIS2-konforme Schulung ist der Anfang. Das wahre Ziel ist jedoch, eine nachhaltige Sicherheitskultur im Unternehmen zu etablieren, in der sicheres Handeln zur zweiten Natur wird. Das erfordert zwei Dinge: Messbarkeit und Kontinuität.

Wie misst und dokumentiert man die Wirksamkeit von Schulungen? Sie müssen gegenüber Behörden und Auditoren nachweisen können, dass Ihre Schulungen nicht nur stattgefunden haben, sondern auch wirksam sind.

  • Teilnahmequoten: Dokumentieren Sie, wer wann an welcher Schulung teilgenommen hat.
  • Testergebnisse: Führen Sie nach den Schulungen kurze Tests durch, um das Verständnis zu überprüfen.
  • Phishing-Simulations-Raten: Messen Sie, wie viele Mitarbeiter auf simulierte Phishing-Mails klicken. Eine sinkende Klickrate ist ein starker Erfolgsindikator.
  • Anzahl gemeldeter Vorfälle: Eine steigende Zahl an (potenziellen) Vorfällen, die von Mitarbeitern gemeldet werden, ist ein gutes Zeichen! Es zeigt, dass die Sensibilität gestiegen ist.

Diese Dokumentation ist Ihre beste Verteidigung. Sie belegt, dass Sie Ihre Aufsichts- und Sorgfaltspflichten ernst genommen haben. Eine gut dokumentierte, effektive Schulungskampagne ist der direkte Weg, die Haftung der Geschäftsführung zu minimieren.

Diese Grafik macht greifbar, wie Mitarbeiterschulungen das Risiko menschlichen Fehlverhaltens mindern und somit die persönliche Haftung der Geschäftsführung verhindern helfen.

Die Integration dieser Maßnahmen in ein übergeordnetes System, wie den Aufbau eines ISMS (Informationssicherheits-Managementsystem) nach Standards wie der ISO 27001 Zertifizierung, schafft nicht nur Synergien, sondern etabliert einen kontinuierlichen Verbesserungszyklus für Ihre gesamte Sicherheitsstrategie.

Action: Praktische nächste Schritte für Ihr Unternehmen

Sie haben jetzt verstanden, warum NIS2-Schulungen entscheidend sind und wie sie strukturiert sein sollten. Was nun?

  1. Betroffenheit prüfen: Klären Sie verbindlich, ob und in welchem Umfang (wesentlich/wichtig) Ihr Unternehmen unter die NIS2-Richtlinie fällt.
  2. Verantwortlichkeiten festlegen: Bestimmen Sie eine Person oder ein Team, das für die Konzeption und Durchführung des Awareness-Programms verantwortlich ist.
  3. Schulungsplan entwickeln: Definieren Sie die Inhalte, Formate und Frequenzen für die unterschiedlichen Zielgruppen (Mitarbeiter und Management).
  4. Implementierung starten: Führen Sie die ersten Schulungen durch und etablieren Sie einen kontinuierlichen Prozess. Beginnen Sie frühzeitig – die Zeit bis zur nationalen Umsetzung der Richtlinie im Oktober 2024 ist knapp.
  5. Erfolg messen und dokumentieren: Implementieren Sie von Anfang an Mechanismen zur Messung und Dokumentation der Wirksamkeit.

Für eine umfassende Vorbereitung empfehlen wir unseren NIS2 Leitfaden für deutsche Unternehmen sowie den speziellen NIS2-Leitfaden für Geschäftsführer von KMU. Denken Sie auch daran, einen soliden NIS2-Notfallplan zu entwickeln.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zu NIS2-Schulungen

Was ist die NIS2-Richtlinie in einfachen Worten?

NIS2 ist ein EU-Gesetz, das die Cybersicherheit wichtiger Unternehmen stärken soll. Es schreibt konkrete Sicherheitsmaßnahmen vor, darunter auch verpflichtende Schulungen für alle Mitarbeiter und die Geschäftsführung.

Warum ist eine Awareness-Schulung plötzlich Pflicht?

Weil der Mensch als größte Schwachstelle, aber auch als stärkste Verteidigungslinie in der Cybersicherheit gilt. Gesetzgeber haben erkannt, dass technische Maßnahmen allein nicht ausreichen. Geschulte Mitarbeiter, die Bedrohungen erkennen, sind ein fundamentaler Baustein für die Resilienz eines Unternehmens.

Wie oft müssen diese Schulungen stattfinden?

Das Gesetz gibt keine exakten Intervalle vor, spricht aber von „regelmäßigen“ Schulungen. Die bewährte Praxis ist mindestens eine jährliche, umfassende Schulung, ergänzt durch kontinuierliche Maßnahmen wie Phishing-Simulationen, kurze Wissens-Nuggets per E-Mail oder Intranet-Posts über das ganze Jahr verteilt.

Was ist der Unterschied zwischen einer "wesentlichen" und einer "wichtigen" Einrichtung?

"Wesentliche Einrichtungen" sind typischerweise größere Unternehmen in besonders kritischen Sektoren (z.B. Energie, Verkehr, Gesundheit). Sie unterliegen strengeren Aufsichtsmaßnahmen und höheren Strafen. "Wichtige Einrichtungen" sind andere Unternehmen in den von NIS2 erfassten Sektoren. Beide Gruppen müssen die gleichen Sicherheitsmaßnahmen umsetzen, einschließlich der Schulungspflicht. Der Unterschied liegt vor allem in der Art der staatlichen Überwachung.

Niklas Hanitsch

Als Jurist mit langjähriger Erfahrung als Anwalt für Datenschutz und IT-Recht kennt Niklas die Antwort auf so gut wie jede Frage im Bereich der digitalen Compliance. Er war in der Vergangenheit unter anderem für Taylor Wessing und Amazon tätig. Als Gründer und Geschäftsführer von SECJUR, lässt Niklas sein Wissen vor allem in die Produktentwicklung unserer Compliance-Automatisierungsplattform einfließen.

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